"Mein lieber Kokoschinsky,

Wilhelm Wiggenhagen - 09.07.2010

da hast du aber ganz schön schwer zu schleppen ! Soll ich helfen ? “, sagte der Großvater des von mir schon einmal zitierten Herbert L. aus Bochum Stiepel, als sein Nachbar, der gar nicht Kokoschinsky, sondern Waclaw Kowalski hieß, einen großen Sack Kartoffeln von seinem Leiterwagen bugsierte, um ihn anschließend in den Keller zu schaffen. Kowalski`s Eltern waren 30 Jahre zuvor mit anderen arbeitssuchenden Polen ins aufstrebende Ruhrgebiet gekommen, der Vater hatte Arbeit gefunden und Waclaw war bereits hier geboren. Weil er die Gesellschaft, in die er hineingeboren war, voll und ganz akzeptierte, fand man Waclaw auch schon längst nicht mehr - wie seine Eltern - in einem „polnischen Viertel“, sondern in einer Zechenkolonie, in der diejenigen zusammen wohnten, die auch zusammen auf der nahgelegenen Zeche arbeiteten, unabhängig davon, woher ihre Vorfahren kamen. Seine Frau hieß Hannelore und seine Kinder Inge und Werner. Der Weg zu dieser relativen Normalität ist „kein leichter“ gewesen, denn Waclaw`s Vater hatte die Diskriminierung fast körperlich gespürt, wenn hinter seinem Rücken unverhohlen von „dem Pollacken“ gesprochen wurde. Aber das Ruhrgebiet, also „der Pott“, war nicht nur ein Pott, sondern auch ein Schmelztiegel, in dem Stahl gekocht wurde, aber auch die unterschiedlichsten Nationen irgendwann zusammenwuchsen - oder zusammenwachsen mussten - und es dauerte nicht lange, bis den Heroen des „Schalker Kreisels“ mit Namen Szepan, Kuzorra, Tibulski oder Burdenski ausschließlich deshalb zugejubelt wurde, weil sie so außergewöhnlich gut Fußball spielten. Denn bei den Namen war man sehr schnell versucht zu glauben, sie wären dem Erfindergeist des „Ruhrgebietlers“ entsprungen. Oder hat noch ernsthaft in den vergangenen Jahrzehnten jemand darüber nachgedacht, woher die Eltern oder Großeltern von Willi Koslowski, „Stan“ Libuda oder Rüdiger Abramczik stammten ? Und die Selbstverständlichkeit hatte dann in den 90-er Jahren ihren Höhepunkt erreicht, als selbst ein Tatort Kommissar aus Duisburg den Namen „Schimanski“ trug. Ja, Schimanski und eben nicht Müller, Meier oder Schulze !!
Ich will keinesfalls die Verschmelzung mit den sogenannten „Ruhrpolen“ als gelungenes Beispiel von Integration darstellen. Aber es zeigt, dass es geht! Man muss nur Geduld haben und gegenseitig bereit sein, die Stärken und Schwächen des anderen zu akzeptieren. Und dass der Fußball bei all seinen Ungereimtheiten, die ihn umgeben können, hierbei fortschrittliche Dienste leisten kann, muss im Zuge der aktuellen Weltmeisterschaft in Südafrika jedem klar werden. Mit welcher Leichtigkeit gehen die Namen der aktuellen Nationalspieler wie Podolski, Khedira, Boateng oder Aogo über die Lippen des wahren Fußballfans ! Ich spreche hier von wirklichen Fans und nicht von „geistig unterbelichteten Idioten“, die z.B. den ersten deutschen Nationalspieler afrikanischer Herkunft, Gerald Asamoah, mit rassistischen Sprüchen verunglimpften. Natürlich gibt es den Migrationshintergrund auch heute noch, aber er ist nicht nur beim Fußball, sondern auch im übrigen Leben - zwar leider noch genug, aber - mit der Zeit immer weniger wichtig. Ziel muss es sein, dass er völlig uninteressant ist. Daran müssen wir arbeiten.
Natürlich sollte dem Einzelnen sein „Migrationshintergrund“ auch nicht völlig gleichgültig sein und so habe ich Verständnis dafür, dass selbst Bastian Schweinsteiger ( dieser Name lässt keine andere Vermutung zu, als: „echt bayrischer Ursprung“ ) bei seinen Nachforschungen auf einen holländischen Urahn gestoßen ist. Aber muss es denn ausgerechnet ein Holl..........?
Die Niederlage im Halbfinalspiel gegen Spanien lässt mich offensichtlich den Pfad der Objektivität verlassen; bitte sehen Sie es mir ausnahmsweise einmal nach. Aber stellen wir uns doch nur mal die vielen Urlauber vor, die demnächst in unser Nachbarland reisen wollen und .... die Holländer wären Weltmeister !!
Hämische Gesänge wären - nicht zuletzt auch wegen der diesseits der Grenze bei einer verpassten WM Teilnahme Hollands seinerzeit angestimmten Lieder - sicherlich nicht ganz unberechtigt und vermutlich auch bereits mit Grenzübertritt an der Tagesordnung. Gerne würde man zwar beim Einkauf von Pommes frites fragen, ,„ ob denn die Frittjes auch Vier Sterne Fritten wären, denn darunter würden wir es „ja nicht mehr machen“, sich aber angesichts der augenblicklichen Machtverhältnisse im Fußball nicht trauen. Unter solchen Aspekten wäre mir ein donnerndes „Eviva espana“ aus dem fernen Spanien allemal lieber, als zwischen Venlo und Groningen von einem andauernden „Hup, Holland, Hup“ begleitet zu werden.
Deshalb abschließend meine Bitte an den spanischen Trainer:
„Gimme Hope, del Bosque ....gimme hope“


Es grüßt ein
„ansonsten völlig objektiver“

Wilhelm Wiggenhagen