Vom Ehrenbürgermeister zum Ehrennachtwächter - eine Karriere in Voerde

Wilhelm Wiggenhagen - 13.06.2010

Heute Mittag fand bereits zum 25. Male der Bürgermeisterempfang zur Voerder Kirmes mit der Ehrung des diesjährigen Ehrennachwächters Michael Eckhardt statt. Für alle, die im vollbesetzten Wintergarten des Restaurants ROSINE heute leider nicht dabei sein konnten, habe ich meine Rede zur Nachtwächterehrung auf meine Webseite gesetzt. Hier ist sie:





Mein lieber Freund und Kirmesmentor Manfred Michalko als Vorsitzender der Voerder Heimatvereins,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
mein lieber Michael !


Ich weiß gar nicht, ob Sie alle hier wussten, welch außergewöhnliche Aufgabe mit der Übernahme der „Nachtwächterschaft in Voerde“ verbunden ist. Ich selber habe es erst verinnerlicht, als ich mich zur Vorbereitung auf den heutigen Tage mit dem historischen Vorbild, dem Nachtwächter Willi Koch, ein wenig näher beschäftigt habe. Und siehe da ! Mir fiel eine Verlautbarung aus dem Schwelmer Tageblatt
vom 3. August 1898 in die Finger, mit der ich zur Verdeutlichung der besonderen Aufgaben meine Rede beginnen möchte:

„Voerde, 2. August (Rauferei ).
In der Nacht von Sonntag auf Montag kam es in der Göbelstrasse zwischen hiesigen Personen zu einer Rauferei, welche damit endete, dass ein Schneidermeister, welcher dem Vernehmen nach auch mit in den Streit verwickelt war, in einen nahe belegenen Schlamm-Teich geworfen wurde. Auf seine Hilferufe kam, seiner Berufspflichten eingedenk, der Nachtwächter K. hinzugeeilt, welcher nicht ohne geringe Mühe den Mann, der bis zum Halse im Moraste steckte, aus seiner kritischen Situation befreite. Wie verlautet, hat die Polizei die Sache bereits in die Hand genommen. Es ist nur der Aufmerksamkeit des Wächters zuzuschreiben, dass die Sache so gut abgelaufen ist.“

Alle hier Anwesenden, vor allen Dingen aber Du, mein lieber Michael, müssen wissen, dass es nicht nur mit „Licht ein-, bzw. -ausschalten“ in den Abend- und Morgenstunden getan ist. Von einem Nachtwächter wird zusätzlich ein wachsames Auge und die Sorge um seine Mitmenschen erwartet. So muss man eben auch bereit sein, einmal einen Schneidermeister aus dem Schlamm Teich zu retten, einen kleinen Tiefbaumeister aus einem zu eng geratenen Graben oder einen Fabrikanten aus seinem bereits abgeschlossenen „Fabriksken“. Und man muss bereit und in der Lage sein, die Dankesbekundungen in Form verschiedener kleiner und größerer Schnäpse so zu verarbeiten, dass man trotzdem seinen Dienstpflichten nachkommen kann.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Heimatfreunde !
Es hieße am heutigen Tage „Eulen nach Athen“ tragen, wenn ich mit dieser Rede die zahlreichen bekannten Verdienste von Michael Eckhardt um Ennepetal und auch speziell um Voerde noch einmal aufzählen würde. Was darüber zu sagen war, ist bei zahlreichen Gelegenheiten, nicht zuletzt bei der Feier im Gärkeller der Brauerei in Schwelm, bereits gesagt, und ich habe mich deshalb mit einigen - wahrscheinlich noch unbekannten - Dingen beschäftigt, die sich um unseren Ehrennachtwächter ranken und beschlossen, diese hier und heute zum Besten zu geben.
Und zwar unter der Überschrift: „Vom Bürgermeister zum Ehrennachtwächter – eine Karriere in Voerde.“

Da wäre zunächst einmal über die wahren Gründe der vereinzelten Kirmesbesuche von Michael zu berichten. Denn in der Familie Eckhardt hatte als erste Edda erkannt, dass die Übernahme des Nachtwächteramtes eines Tages unweigerlich auf ihren Ehemann zukommen würde. Sie wusste aber auch, dass das nur sinnvoll sein könnte, wenn Michael wenigstens ein paar Ähnlichkeiten mit dem Original haben würde. „Es kann doch nicht sein, dass die Menschen sagen, der Eckhardt hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem Koch“, mahnte sie immer wieder ihren Michael, wohl wissend, dass das „Nachtwächteroriginal“ große Freude an alkoholischen Getränken und Rauchwaren der unterschiedlichsten Art hatte. Michael hingegen waren ( wie wir uns alle noch genau erinnern können ) solche banalen Genüsse des täglichen Lebens völlig zuwider und es galt, ihm diese im Laufe der Jahre schmackhaft zu machen; nur dann konnte er die legitime Nachfolge von Willi Koch antreten. Bis zum heutigen Tag wusste Michael Eckhardt nicht, dass nicht er, sondern Edda die Kürung zum Ehrennachtwächter systematisch und strategisch vorbereitet hatte. Zwar hat er sich ein wenig gewundert, dass sie ihn immer wieder ( man kann sagen: nahezu täglich ) aufgefordert hatte, die Kirmes zu besuchen, um mit den Heimatfreunden das eine oder andere Bier zu trinken. Aber er hat sich nichts dabei gedacht. Wir wissen, dass es ihm keinen wirklichen Spaß gemacht hat und jeder von uns erinnert sich an die „trostlose Gestalt“, die gelangweilt und freudlos an den Bierständen stand. Wenn man mit ihm sprach, hörte man immer wieder heraus, dass er wohl Edda einen Gefallen tun wollte, denn schließlich hatte sie ihn ja an Kirmestagen förmlich aus dem Haus gedrängt. In Wirklichkeit hat sie ihn damit aber auf seinen großen Tag, an dem er zum Ehrennachtwächter gekürt werden sollte, vorbereitet. So hat er in den letzten 25 Jahren - sehr geschickt von seiner Frau gelenkt - nach und nach auch selbst - zumindest ein bisschen - die Freude an Alkohol und Rauchwaren gefunden und die Heimatfreunde wurden mehr und mehr auf ihn aufmerksam.
„ Auch das kann er jetzt fast wie Willi Koch“, hörte man sie öfter munkeln und so haben sie ihn am 2. Juni d. J. zu Recht zum Ehrennachtwächter gekürt.
Heute ist er vom Kirmesgeschehen gar nicht mehr weg zu denken. Und, wem haben wir es zu verdanken ? Unserer Edda ! Hierfür sagen wir Dir herzlichen Dank, dem wir mit einem donnernden Applaus Ausdruck verleihen wollen.

Ich denke, meine sehr geehrten Damen und Herren, dass Sie ebenso daran interessiert sind, zu erfahren, wie die - für Außenstehende sicherlich unerwartete - Entscheidung von Michael Eckhardt, nicht mehr als Bürgermeister zur Verfügung zu stehen, wohl wirklich gefallen ist oder zumindest gefallen sein könnte. Oder nicht ??
Gut, also: der Heimatverein hatte schon seit längerer Zeit ins Auge gefasst, Michael Eckhardt die Bürde der Nachtwächterschaft zu übertragen, wusste aber, dass dies nur möglich sein könnte, wenn er nicht mehr Bürgermeister wäre.
Man stelle sich vor, diese Überlegungen wurden zu einer Zeit angestellt, wo viele Schüler der weiterführenden Schulen in Ennepetal in ihrem ganzen Leben bisher überhaupt nur einen Bürgermeister, nämlich Michael, kennen gelernt und von ihren Eltern gehört hatten, dass dies vermutlich auf ewig so bleiben würde. In den Schulen wurde auf die Frage, warum es nur diesen einen Bürgermeister gebe, von der Lehrerschaft sehr oft das Wort „Naturgesetz“ gebraucht und sie machten den jungen Menschen klar, dass „Bürgermeisterwahlen“ zwar stattfinden, in Ennepetal aber nur zur überzeugenden Bestätigung des Amtsinhabers Eckhardt gebraucht würden. Heimatverbundene Ennepetaler hatten schon damals eine Verbindung zum Nachtwächter Willi Koch hergestellt, der seinen Dienst zwanzig Jahre versehen hatte und dessen Stelle danach nie wieder besetzt wurde. In den unterschiedlichen politischen Lagern wurden erste Überlegungen angestellt, ob man das Amt vielleicht so gestalten könne, dass es - zumindest hier in Ennepetal - vererblich würde. Aber nach Konsultation renommierter Staatsrechtler wurden diese Gedanken wieder zu den Akten gelegt.
Und genau in dieser Zeit ( man vermutet Anfang des Jahres 2008 ) trafen sich an der Ecke Sonnenweg / Friemannweg zwei dunkle Gestalten ( FALSCH ! Ich muss mich präziser ausdrücken ). Es trafen sich zwei dunkel gekleidete Männer, die je eine schwarze Hose, einen blauen Kittel und eine hochseidene Mütze trugen; sie gingen weiter in Richtung Dr. Siekermann Weg. Wie man es geschafft hat, weiß ich bis heute nicht, aber es sind zumindest ein paar Brocken des Gesprächs überliefert. Und so fragte der - einem Polizisten sehr ähnliche - äußerst stattliche offensichtliche Wortführer: „ Hör mal, Ernst - August, hast Du auch den Eversbusch dabei ?“. Der an einer Kiste Bier an der einen Seite und einem großen Beutel mit Flaschen an der anderen Seite schwer tragende zweite Heimatfreund antwortete: „ Mensch Manfred, du musst doch wissen, dass ich immer dann, wenn es darum geht, eine hochgestellte Persönlichkeit aus dem Rathaus medizinisch zu versorgen, zu absoluter Höchstform auflaufe und vor allen Dingen noch nie die lebensnotwendige Medizin vergessen habe“.
Im weiteren Verlauf des Gesprächs wurde die Strategie für das - wie sich der als Manfred bezeichnete Wortführer ausdrückte - „ absolut wichtigste Gespräch, das wir in den letzten Jahren geführt haben“, ja ...... man kann schon sagen „ausbaldowert“.
„Erst erzählen wir ihm das mit dem Nachtwächter und dann freut er sich“, meinte Manfred. „Und anschließend sagen wir ihm ganz geschickt, dass das aber am Besten ein Ehrenbürgermeister machen sollte“ grinste Ernst August. „ Und wir wissen ja genau, dass er dann erst mal ein bisschen guckt, dann schreit, ob wir noch ganz gescheit wären und zum Schluss dann einen trinken möchte !“ „Jau, und dann komme ich mit dem Eversbusch“ beendete Ernst August das Strategiegespräch.
Es muss, wie wir heute hier sehen, letztlich gut ausgegangen sein, denn eindeutig hat sich ja Michael Eckhardt für diese Beförderung zum Ehrennachtwächter ausgesprochen. Ich zitiere ihn an dieser Stelle gerne selber. Denn Du, lieber Michael, hast so oft gesagt, dass Bürgermeister jeder werden könne ( das kann ich übrigens bestätigen ), um Ehrennachtwächter zu werden, muss man aber eine verdiente Persönlichkeit sein. Und ich finde, das bist Du. Ich habe versprochen, nicht über Deine Verdienste zu reden, aber es gibt wohl niemanden hier im Saal, der mir nicht zustimmen würde, wenn ich mit dem Brustton der Überzeugung sage: Der hat es verdient !!!

Nun kann ich aber auf keinen Fall umhin, Ihnen davon zu berichten, dass diese Ehrung beinahe ins Wasser gefallen wäre und zwar in „Spreewasser“. Zu Recht hat Michael auch ins Kalkül gezogen, dass ihn in der Woche vor der Ehrung noch ein Anruf aus dem Kanzleramt ereilen könnte. Er hatte wohl auch davon gehört, dass in einer parteiübergreifenden konzertierten Aktion unsere Bundestagsabgeordneten Dr. Ralf Brauksiepe und Rene Röspel mit der Unterstützung des Exkanzlers Gerhard Schröder den Kandidaten Michael Eckhardt bei Frau Merkel ins Gespräch gebracht hatten. „ Es soll mal wieder ein bisschen lustig zugehen bei Staatsempfängen“ wird die Kanzlerin zitiert, die also offensichtlich gar nicht abgeneigt war. Gescheitert ist es an zwei Dingen. Zum einen hat sich die AVU ( in alter Verbundenheit hatte Michael Eckhardt hier angefragt ) geweigert, einen Sonderstromtarif für das Schloss Bellevue bereitzuhalten und zum anderen hat sich Michael über das Kleingedruckte in seinem Arbeitsvertrag erregt. Als er nämlich nach dem Gehalt fragte und irgend jemand sagte: „ 200.000,-- Euro !“,da hakte er nach. „ Brutto ? Netto ? In der Woche ? Oder im Monat ?„ Ja und als man ihm dann erklärte, dass es sich um ein Jahresgehalt handele, hat er sehr entrüstet darauf hingewiesen, dass er „schon einmal - damals auf Anraten von Walter Faupel - einen schlecht bezahlten Job beim Staat, also damals bei der Stadt, angetreten habe und so einen Fehler werde er nie wieder machen“.
Die Entscheidung war gut Michael, denn wo sollten wir hier in Ennepetal so schnell einen neuen Ehrennachtwächter herbekommen ? Um einen neuen Bundespräsidenten zu finden, braucht man höchstens 72 Stunden, aber einen neuen Ehrennachtwächter ??????


Liebe Heimatfreunde,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
die Zahl 25 hat von jeher eine Symbolkraft und so ist es sicherlich kein Zufall, dass der Heimatverein ausgerechnet Michael Eckhardt zum 25. Ehrennachtwächter ernannt hat. Genau so wenig, wie er damit gerechnet hat, einmal mit den Insignien des Nachtwächters ausgestattet zu werden, genau so wenig habe ich daran gedacht, dass ich einmal hier stehen und als Bürgermeister einen Empfang für einen Ehrennachtwächter geben würde. Denn den ersten Empfang hat vor 25 Jahren unser heutiger Ehrenbürgermeister Friedrich Döpp durchgeführt und mir war es als damaligem Pressesprecher vergönnt, ihn hierbei unterstützen zu können.

Wer weiß besser als Du,lieber Michael, dass ein Bürgermeister gerade an einem solchen Tage nicht mit leeren Händen kommt. Gerne werde ich Dir die auch schon fast symbolträchtig zu nennende Schieferuhr überreichen, die auch schon Deine Vorgänger erhalten haben. Und auch ich sage Dir, was Du schon vielen Deiner Vorgänger selber mit auf den Weg gegeben hast. Man kann nämlich die Symbolkraft der Uhr fast gar nicht besser beschreiben: „Diese Uhr möge Dich immer daran erinnern, was die Stunde geschlagen hat.“

Genau das muss ein Nachtwächter nämlich wissen, wenn er seine Aufgabe voll und ganz erfüllen will. Dabei werden Dir - da bin ich mir ganz sicher - die Freunde des Heimatvereins mit aller Tatkraft zur Seite stehen. Und wie ich Dich kenne, wirst du sicherlich über kurz oder lang auch ein eigenes „Amt des Ehrennachtwächters“ einrichten. Manfred Michalko wird dort seine Erfahrung als Polizeibeamter einbringen, wenn es darum geht, den Bericht über einen aus dem Schlamm gezogenen Mitbürger zu formulieren und um es Dir leichter zu machen, kannst du beim Heraussuchen bestimmter Adressen oder Geburtsdaten weiterhin einfach nur nach Christine rufen. Inwieweit dort Edda eingebunden werden kann, vermag ich nicht zu beurteilen, denn sie hat ja den Henri Thaler Verein, der mit Sicherheit ihre ganze Kraft fordert. Aber es ist auch Tradition, dass der Bürgermeister den Ehepartner ( meistens sind es ja Ehefrauen ) zumindest mit einen Blumenstrauß bedenkt, denn auch du, liebe Edda, bist ein sichtbares Zeichen dafür, dass hinter jedem starken Mann eine starke Frau steht. Deinem Verständnis und Deinem fürsorglichen Drängen ist es zu verdanken, dass wir heute den Michael Eckhardt vor uns sehen, den wir so mögen, wie er ist. Hierfür gilt dir mein persönlicher, aber auch der Dank der gesamten Stadt.

Lieber Michael! Ich darf Dich jetzt mal zu mir nach vorne bitten.
Ich gratuliere Dir abschließend noch einmal von ganzem Herzen zur Wahl zum Ehrennachtwächter des Jahres 2010. Genau wie Deinem Vorgänger Klaus Oehm lege ich den Ortsteil Voerde zumindest in den Nachtstunden beruhigt in Deine Hände. Ich wünsche Dir persönlich alles erdenklich Gute, körperliches Wohlbefinden und geistige Frische. Voerde und das Amt des Ehrennachtwächters sind bei Dir sehr gut aufgehoben und so schließe ich mit einem kräftigen und dreifachen

Krut Voerde,
Krut Voerde,
Kruuuuut Voerde.