"Wir brauchen nächstes Jahr ein Mikro..."

Wilhelm Wiggenhagen - 16.11.2009

sagte mir der Stadtbrandmeister Rainer Kartenberg nach der Feierstunde zum Volkstrauertag am Ehrenmal „Auf der Hardt“ gestern. Ganz viele Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr waren „Auf der Hardt“ angetreten, um der Feierstunde einen würdigen Rahmen zu verleihen. Die Stadt- und Feuerwehrkapelle und der MGV Sangeslust Königsfeld umrahmten die Kranzniederlegung musikalisch.
Rainer Kartenberg hat mich gebeten, meine Worte zum Volkstrauertag ins Netz zu stellen, da u.a. einige Kameradinnen und Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr meine und die Ansprache von Pastor Härtel akustisch nicht richtig verstehen konnten:

"Meine sehr geehrten Damen und Herren,

heute ist ein Tag und ein Anlass, an dem ich froh wäre, wenn mir auch bei längerem Nachdenken kein aktueller Bezug, kein Ereignis aus jüngster Zeit einfiele, über das ich sprechen könnte.

Aber leider ist dem nicht so. Am 4. September 2009 wurden bei einem Luftangriff im Befehlsbereich der Bundeswehr über 50 Menschen getötet.

Unter den Toten waren keine deutschen Soldaten. Doch jedes Jahr verlieren Bundeswehrsoldaten bei Auslandseinsätzen ihr Leben. Seit 1992 bis Juli dieses Jahres waren schon 81 Tote zu beklagen, an die wir gerade heute besonders denken und so danke ich Ihnen, dass Sie heute zum Ehrenmal „Auf der Hardt“ gekommen sind.

Der Volkstrauertag ist ein besonderer Tag. Der Tag, der den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft gewidmet ist. Wie der 27. Januar, der 20. Juli und der 3. Oktober hat dieser Tag, etwas mit unserer nationalen Identität zu tun. Wenn man sich der Inhalte bewusst macht, dann ist er ein unverzichtbarer Tag.

Allein im Ersten Weltkrieg verloren neun Millionen Menschen ihr Leben. Über 55 Millionen starben im Zweiten Weltkrieg. Das sind die Kriege, die wir, die unsere Eltern, die unsere Vorfahren erlebt und erlitten haben.

In Jahren des Friedens wird der Schrecken des Krieges
- durch die Anonymität,
- durch die zeitliche wie räumliche Entfernung
zu einer abstrakten Zahl degradiert.
In den letzten Jahrzehnten war Frieden zum Selbstverständnis geworden.

Erstmals seit Jahrzehnten wird sich unsere Gesellschaft wieder des Krieges bewusst. Dann wenn junge deutsche Soldaten durch Selbstmordattentäter in Afghanistan getötet werden.
Haben wir uns nicht von Jahr zu Jahr mehr von dem Thema entfernt?

Hier am Ehrenmal sind uns die Opfer des Krieges sehr nahe. Hier können wir den direkten Kontakt finden.
Einerseits suchen wir „die Versöhnung über den Gräbern“, andererseits wollen wir der Gesellschaft die Bedeutung des Friedens bewusst machen.

Sehr treffend hat es bereits 1952 Bundespräsident Theodor Heuss formuliert:
„Die in den Gräbern ruhen, warten auf uns, auf uns alle. Sie wollen gar nicht, dass wir mit lauten Worten sie Helden nennen. Sie haben für uns gekämpft, gezagt, gelitten, sie sind für uns gestorben. Sie waren Menschen wie wir. Aber wenn wir in der Stille an den Kreuzen stehen, vernehmen wir ihre gefasst gewordenen Stimmen: Sorgt Ihr, die Ihr noch im Leben steht, dass Frieden bleibe, Frieden zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern.“

Man sagt: „Die Toten haben ihr Leben gegeben. Sie aber sagen: Unser Tod ist unser Vermächtnis an euch. Unser Tod bedeutet, was ihr daraus macht.
Die Toten sprechen nicht, aber sie haben ein Schweigen, das für sie spricht.

Wir denken heute
an die Opfer von Gewalt und Krieg,
an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken
der Soldaten, die in den Weltkriegen starben,
der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer,
die verfolgt und getötet wurden,
weil sie einem anderen Volk angehörten,
einer anderen Rasse zugerechnet wurden
deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung
als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer,
die ums Leben kamen,
weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben,
und derer, die den Tod fanden,
weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern
um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage,
um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung,
um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte,
die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer,
die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Wir trauern in einer Schweigeminute
mit den Müttern und mit allen,
die Leid tragen um die Toten.
Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der Welt."